Fachartikel

Die Partnerschaft in Zeiten einer Pandemie

Claudia Suleck, NVS Mitglied und Selbständigerwerbende

Das Leben stellt uns seit einiger Zeit vor Herausforderungen, vor denen sich nur schwer die Augen verschliessen lassen. Es scheint, als motivierten uns die vergangenen zwei Jahre dazu, eine tiefe Wandlungsphase zuzulassen. Eine  Neuausrichtung. Dorthin, wo der Ruf der inneren Stimme laut wird. Wo wirkliche Erfüllung stattfindet.

In diesem Gastbeitrag schildert Claudia Suleck eindrucksvoll ihre Beobachtungen hinsichtlich Partnerschaften während der vergangenen zwei Jahre.

Lasst die Schmetterlinge fliegen, nicht die Fetzen

Für alle, die gerade an ihre Grenzen kommen. Weil deine Waage am Morgen die selbstgesteckte Schallgrenze überschritten hat. Weil dein Partner das Frühstücksgeschirr samt Brötchenkrümel schon wieder stehen liess. Weil du nur  noch beim Duschen ganz für dich allein bist. Weil du eigentlich zum Joggen müsstest, aber deine Energie im Keller ist. Weil du dir tapfer Salat und Gemüseeintopf für diese Woche vorgenommen hast, dein Körper aber nach Schokolade und Kartoffelchips schreit. Es ist, als würde sich die Welt gegen dich stemmen. Es ist, als wären Kopf und Bauch getrennt. Dein Verstand widerspricht dem körperlichen Bedürfnis. Deine Logik der Gier.

Was ist nur aus der toughen Person geworden, die Fitnessstudio und Arbeitsprojekte, Familie und Haushalt mit links durch die Woche jonglierte. Wo ist die Lässigkeit geblieben. Bei dir selbst. In deiner Beziehung. In deinem Leben. Kleinigkeiten genügen, um deine Emotionen in ungeahnte Höhen zu manövrieren. Es sind die liegengelassenen Socken. Der kritische Blick. Das falsche Wort zur falschen Zeit. Der angestaute Frust bahnt sich seinen Weg nach draussen. Nicht zaghaft, sondern explosionsartig.

Es sind doch alles nur Kleinigkeiten, sagst du dir und reisst dich zusammen. Doch dein Zusammenreissen sprengt die fragilen Nähte deines Inneren. Der angestaute Druck in Form von Wut und Unzufriedenheit wurde lange unter  Verschluss gehalten. Jetzt sprudelt es und du kannst es nicht aufhalten. Es kommen Worte an die Oberfläche, die lange ungesagt blieben. Gefühle, die ungefühlt blieben. Und Tränen die ungeweint blieben. Alles zur gleichen Zeit.
Zurück lässt du deinen sprachlosen Partner. Eure gegenseitige Verständnislosigkeit prallt aufeinander. Wann habt ihr euch so dermassen aus den Augen verloren. Wann übernahmen Ratio und Logik den Platz von Leidenschaft und Sinnlichkeit. Wann wichen Effizienz und Disziplin dem Prickeln im Bauch, dem Feuer unter der Haut.

Wir wurden zwei Jahre lang auf uns selbst zurückgeworfen. Auf die eigenen vier Wände. Auf Kuchen backen statt Kulturveranstaltungen. Auf Homeoffice am Küchentisch statt Hochgenuss beim Italiener um die Ecke. Auf Jogginghosen statt Fashion Labels. Das ganze Leben auf wenige Quadratmeter reduziert. Schon früh zeigten sich erste Schwachstellen. Als die Kommunikation zu bröckeln begann. Als der emotionale Mülleimer wuchs. Als die Sehnsucht sichtbar wurde. Nach dem Salz in der Suppe. Nach Life, Light and Colour.

Etwas hat sich eingeschlichen. In die heimische Stube, die am Abend statt mit Kerzenschein und zärtlichen Worten mit Schokoriegeln und Gummibärchen versüsst wird. Der Fernseher läuft. Die Kommunikation schweigt. Die Einsamkeit wächst. Träume sterben leise. Zumindest für einen Moment geben dir bunte Kaubonbons und cremige Schokostängel das zurück, was du lange vermisst – das irre Feeling. Sie kompensieren Lust und Erfüllung. Sie kompensieren die wohltuende Nähe und gutriechende Haut des anderen. Sie kompensieren Serotonin und Dopamin. Der Platzhalter für pure Lebensfreude.

Wenn wir genau hinschauen, erkennen wir die Botschaft, die sich hinter dem Fett-Zucker-Cocktail verbirgt. Welches Verlangen gestillt wird. Welche Lücke gefüllt wird. Welche kritische Stimme zum Schweigen gebracht wird.
So wie eine Erkrankung verschiede Symptome präsentiert und ein körperliches Ungleichgewicht aufzeigt, weisen die zahlreichen Frustmomente auf ein disharmonisches Zusammenleben hin. In der Tiefe geht es nicht um herumliegende Wäsche und unausgeräumte Spülmaschinen. Tief im Inneren geht es um Aufmerksamkeit, Wertschätzung und beachtet werden. Es schreit nach ihrer Weiblichkeit. Nach seiner Männlichkeit.

Das Leben stellt uns seit einiger Zeit vor Herausforderungen, vor denen sich nur schwer die Augen verschliessen lassen. Es scheint, als motivierten uns die vergangenen zwei Jahre dazu, eine tiefe Wandlungsphase zuzulassen. Eine Neuausrichtung. Dorthin, wo der Ruf der inneren Stimme laut wird. Wo wirkliche Erfüllung stattfindet. Erfüllung, die weniger von äusserer Ablenkung und gesellschaftlichen Idealen geprägt ist, sondern aus den Tiefen der Herzen entspringt. Wo Befriedigung auf körperlicher und geistiger Ebene stattfindet. Wo er und sie sich auf einer völlig neuen Stufe begegnen – auf Augenhöhe.

Krisen enthalten Potential. Sehnsüchte enthalten Schöpferkraft. Was willst du vom Leben? Was willst du wirklich? Und was will das Leben von dir? Von euch? Es geht nicht um richtig oder falsch. Es geht um anders. Wie wäre es mit weniger Überleben. Dafür mehr Leben. Mehr Kreativität. Mehr Freiheit. Für Projekte, die eure Herzen zum Springen bringen. In denen ihr euch wiedererkennt. Die euch nicht nur mit Sinn füllen, sondern regelrecht überfluten. Wo ihr euch auf einer tiefen Ebene genährt und zugehörig fühlt. Gemeinsame Zeit. Qualitativ und selbstbestimmt. Genutzt statt verschwendet.

Das zyklische Geschehen meint es gut mit uns. Es zeigt uns nur, dass die eingeschlagene Richtung nicht mehr stimmt. Kollektiv und Individuell. Wir befinden uns an einer Weggabelung auf unserer Lebensreise. Sie trägt ein riesiges Potential. Es geht darum, die Schmetterlinge wieder fliegen zu lassen.

Claudia Suleck
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